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Rede C. Lagerwaard

… Ganz anders wirkt der zweite Raum, in dem wir uns befinden. Thomas Kleine hat ihn gestaltet, mit ihm gearbeitet, als wäre er eine Bühne. Der Künstler studierte zunächst von 1974 bis 1979 Visuelle Kommunikation an der Universität Essen bei Willy Fleckhaus. Dieser war, außer Professor für visuelle Kommunikation in Essen und Wuppertal, Journalist, Buch- und Zeitschriftengestalter. Er gehört zu den wichtigsten deutschen Grafik-Designern der 50er bis 80er Jahre.
Anschließend folgte von 1981 bis 1982 ein Gaststudium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg bei Ulrich Rückriem. Ulrich Rückriem, geboren 1938, ist ein bekannter deutscher Bildhauer. In den 1960er Jahren trat er mit Skulpturen aus Holzbalken hervor, seit 1968 gestaltet er Steinskulpturen. In diesem Material entwickelte er sein bis heute kennzeichnendes künstlerisches Verfahren. Rückriem verdoppelt und teilt, manchmal vielfach, in einem Block gebrochene Steine mit stark reduzierten, rechteckigen Formen.
Ein Lehrer Rückriems war Ludwig Gies, ein deutscher Bildhauer und Medailleur, der sich vor allem mit der Reliefkunst auseinandergesetzt hat.1918 erhielt er eine Berufung nach Berlin als Lehrer an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums. Dort leitete er u.a. die Klasse für Stempelschneiden und Modellieren für Goldschmiede und Ziseleure.
Das Ziselieren ist eine Form der Verzierung einer metallischen Oberfläche bei einem Schmuckgegenstand, einer Uhr oder Waffe. Der Begriff stammt etymologisch von „ciseau“, dem französischen Wort für Meißel. Wie die Herkunft des Namens ableitet, wurde unter dem Begriff zunächst nicht nur die Bearbeitung von Metall verstanden, sondern grundsätzlich die plastische Verformung.
Wobei wir beim Thema wären. Dr. Wolf Jahn, Kunsthistoriker, Autor und Redakteur aus Hamburg schreibt über die Arbeit von Thomas Kleine:
„Wie die Mathematik beherrschen auch die bildenden Künste eine ihr eigene Arithmetik. Sie handelt vom Addieren und Subtrahieren, vom Hinzufügen und vom Wegnehmen des künstlerischen Materials. Traditionell kommt dabei dem Bildhauer die Arbeit des Subtrahierens zu, wenn er vom Stein oder Holz nimmt, so lange bis die beabsichtigte Form Gestalt angenommen hat. Der Maler hingegen fügt bzw. trägt auf: Grundierung auf Leinwand, Zeichnung auf Grundierung, Farbe auf Zeichnung. Gelegentlich sind aber auch beide Arbeitsvorgänge vonnöten wie im Falle der Bilder und Papierschnitte von Thomas Kleine.“
Und etwas weiter schreibt er: „Schon Henri Matisse verglich die Arbeit des künstlerischen Schneidens mit der eines Steinmetzen. Direkt in die Farbe hineinschneiden“, schrieb er „erinnert mich an den direkten Meißelschlag des Bildhauers.“
Das Studium der Bildhauerei war für Thomas Kleine offensichtlich ein Schlüsselerlebnis. Er schreibt über seine Arbeit:
„Malen ist ordnen, zuordnen, überordnen, unterordnen, beiordnen, umschichten, wegnehmen, wegwischen, wegkratzen, übermalen, von rechts nach links und von oben nach unten schieben, abschaben, abreißen, hineinschneiden, ankleben, usw.“
Obwohl seine Papierschnitte dreidimensional sind, geht es zunächst um eine Oberfläche, die durchbrochen wird. Was ist unter dieser Oberfläche? Sehen wir mehr von den Hintergründen, nur weil Teile dieser Oberfläche weggeschnitten sind? Ist die Berührung zwischen Innen und Außen, um die es letztlich geht, dreidimensional? Oder handelt es sich hier eher um eine Ebene?
Die 36 Girlanden, die Thomas Kleine seit 1994 angefertigt hat, sind deutlich dreidimensional. Aber diese Feststellung ist so klar, dass das hier wohl nicht das Hauptthema sein kann. Sie hängen, obwohl sie leicht und durchlässig, fast durchsichtig oder flüchtig sind - die Hängung lässt sich z.B. ohne Blitz kaum fotografieren, die Girlanden verschwinden im Hintergrund, der hier im Museum ziemlich laut ist - , sie hängen also aufgrund der Schwerkraft senkrecht nach unten, und vermitteln uns so den paradoxen, zumindest verunsichernden Eindruck, dass sie vielleicht schwer sein könnten. Gleichzeitig scheint dieser Raum nach oben höher zu sein, als er tatsächlich ist - wir können das gut vergleichen mit dem Raum nebenan. Auch Wolf Jahn stellt diesen Widerspruch fest:
„ Schwere und Leichtigkeit treten nicht als Pole und Gegensätze auf, vielmehr in Ergänzung zueinander. Das Leichte wirkt substanziell mehr dem Schweren zugehörig statt ihm artfremd gegenüber zu stehen.“ Und er nennt in diesem Zusammenhang auch die „Planetenbilder“: „Erstaunlicherweise offenbart sich das Wechselspiel von Gravitation und Schwebezustand auch in weiteren Blättern von Thomas Kleine. Schon der Titel dieser Blätter - die Planetenbilder - thematisiert es indirekt. Planeten sind per se schwere, massive Körper, eingebunden in ein Gravitationsfeld, gleichwohl sie selbst wie ungebunden im unendlichen Weltraum schweben. Für sie gibt es weder Oben noch Unten.“
Thomas Kleine setzt Farbflächen in Beziehung zueinander. Muster ergeben sich. Wo diese quasi nicht von alleine auftauchen, benutzt er Vorlagen, z.B. Ornamente aus der islamischen Kunst, Grundrisszeichnungen von römischen Fußbodenmosaiken oder Flächenmuster der nordafrikanischen Quilt-Decken. Kreisrunde Flächen tauchen immer wieder auf, so zum Beispiel in den Planetenbildern oder bei den „Polka-Dots“ im Flurbereich zu sehen, die aus 468 einzelnen Papierkreisen zusammengesetzt sind...


Auszug aus der Rede von Cornelieke Lagerwaard zur Eröffnung der Ausstellung:

„Planeten, Girlanden und neue Papierschnitte“ im Museum St.Wendel, 2007