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Text W. Jahn 

Wolf Jahn über die Arbeit von Thomas Kleine

Wie die Mathematik beherrschen auch die bildenden Künste eine ihr eigene Arithmetik. Sie handelt vom Addieren und Subtrahieren, vom Hinzufügen und vom Wegnehmen des künstlerischen Materials. Traditionell kommt dabei dem Bildhauer die Arbeit des Sub-trahierens zu, wenn er vom Stein oder Holz nimmt, so lange bis die beabsichtigte Form Gestalt angenommen hat. Der Maler hingegen fügt zu bzw. trägt auf: Grundierung auf Leinwand, Zeichnung auf Grundierung, Farbe auf Zeichnung. Gelegentlich sind aber auch beide Arbeitsvorgänge vonnöten wie im Falle der Bilder und Papierschnitte von Thomas Kleine. Zum einen fügt der Künstler zusammen, wenn er gefundene Bilder, etwa Kalenderblätter, Plakate oder eigene Malereien miteinander komponiert. Zum anderen nimmt er, wenn er aus ihnen mit Messer und Schere Rapports oder dynamische Formverläufe schneidet.

Schon Henri Matisse verglich die Arbeit des künstlerischen Schneidens mit der eines Steinmetzen. »Direkt in die Farbe hineinschneiden«, schrieb er, »erinnert mich an den direkten Meißelschlag des Bildhauers.« Durch das Spiel von Addition und Subtraktion ist Thomas Kleines Bildern und Papierschnitten eine offenkundige Semitransparenz zu eigen. Filigran durchbrochen wie Spitzen und durchlässig wie Haremsfenster haben wir es immer mit mindestens zwei Bildebenen zu tun, die sich jedoch nicht in eine optische Hierarchie von Vorder- und Hintergrund fügen. Stattdessen verweben sie zu gleichrangigen Bildern, beginnen ein gegenseitiges Wechselspiel von Positiv- und Negativ-, von Binnen- und von Außenform. Manchmal dominiert der materielle Bildträger, und wir erkennen in ihm Strukturen, Gesichter, Textur oder Farbe. Dann wiederum beherrscht das immaterielle Weiß der ausgeschnittenen Formen das Bildgefüge, und das sie umgrenzende Papier dient überwiegend dem Zusammenhalt ihres gemeinsamen Kontextes.

»Cum figuris et characteribus ex nulla materia compositis«, heißt es im Titel des Liber Passionis, eines der frühesten Beispiele abendländischer Papierschnitte (um 1500). Der Hinweis, dass in ihm die illustrierenden Figuren gleichsam aus immateriellen »Nichts« geschnitten sind, korrespondiert mit dem Inhalt des Buches, dem Wort Gottes und dem heilsgeschichtlichen Geschehen. In der Geschichte des Papierschnitts fällt gerade diese Leichtigkeit des Materials auf. Die zahlreichen Beispiele aus der Volks- wie hohen Kunst, ob medaillonartige Spitzenbilder, Liebesbriefe oder Ansichten, zeugen von der luftigen, gravitationsfreien und feinstofflichen »Substanz« des Papierschnitts.

Auch in Thomas Kleines Papierschnitten zeigt sich gelegentlich ein Zusammenspiel von Schwere und Leichtigkeit. Im »Boxer« etwa durchbricht das Bild des aggressiv rot gezeichneten, mit Faust und nacktem Oberkörper Kämpfenden den Rapport eines Ornaments. In anderen Blättern beherrschen die Schnitte und die daraus resultierenden, organisch anmutenden Formen nahezu die gesamte Fläche des Bildes. Dieses Durchbrechen »schwerer« Motive, zum Beispiel des Boxers, in anderen Fällen von massiven Architekturen, folgt dabei einer ganz eigenen, bildinternen Logik: Schwere und Leichtigkeit treten nicht als Pole und Gegensätze auf, vielmehr in Ergänzung zueinander. Das Leichte wirkt substanziell mehr dem Schweren zugehörig statt ihm artfremd gegenüberzustehen.

Erstaunlicherweise offenbart sich das Wechselspiel von Gravitation und Schwebezustand auch in weiteren Blättern von Thomas Kleine, die jedoch ohne Papierschnitt auskommen. Schon der Arbeitstitel dieser Blätter - die Planetenbilder - thematisiert es indirekt. Planeten sind per se schwere, massive Körper, eingebunden in ein Gravitationsfeld, gleichwohl sie selbst wie ungebunden im unendlichen Weltraum schweben. Für sie gibt es weder Oben noch Unten. Ein Umstand, der sich auch in den »Planetenbildern« von Thomas Kleine zeigt, deren Farbverläufe nicht vertikal sondern horizontal fließen.

Wolf Jahn, Hamburg